Kirchen Bern - Jura, Dezember 1997 Sleeper in Bern soll geschlossen werden Kein warmes Obdach für Berner Clochards mehr? Das Leitungsteam des Berner Sleep-Ins wehrt sich gegen die Schliessung: Viele Benutzer werden einfach auf der Strasse stehen. Das rot-schwarz gestrichene Haus kennt wohl jeder, der einmal über die Lorrainebrücke in Bern gelaufen ist. Ins Haus hinein kommen aber bloss Bedürftige und angemeldete Gäste. Das ist mancher Frau und manchem Mann ein Ärgernis. Das New Public Management der Stadt Bern verlangt Transparenz, also Überwachung. Anonymität hat nicht mehr Platz und unbürokratische Hilfe auch nicht. Gerade das sind aber die Stärken des Sleep-In, sagt Ueli Schürch vom Sleep-In-Leitungsteam, welches ein niederschwelliges Konzept von Randständigen für Randständige praktiziert. Sie beherbergen pro Nacht 17 bis 32 Gäste, die sonst auf der Strasse wären. Weil ein Teil des Teams selbst einmal auf der Strasse war, kennen sie die Regeln und wissen mit Clochards oder schwierigen Typen umzugehen. Diese beanspruchen für sich Autonomie im Haus, was vielen Aussenstehenden suspekt ist. Das Leitungsteam des Berner Sleep-Ins wehrt sich gegen die Schliessung: Viele Benutzer würden einfach auf der Strasse stehen. Genug von netter Gesellschaft Das Sleep-In-Team erklärt die Situation so: Nackte Existenzangst treibe die Leute her, manchmal von der Heilsarmee weggeschickt, fühlen sie sich hier wohler in einem Bett ohne Kissen, Die Gäste wollen hier nicht sozialisiert, therapiert, bemuttert und auch nicht befürsorgt werden. Denn sie haben genug von unserer netten Gesellschaft, von der sie einmal fallen gelassen worden sind. Sie wollen nicht mehr erinnert werden an ein Zuhause, das ihnen die Möglichkeit zu einer anderen Lebensbewältigung geraubt hat, nicht mehr an die Tage der Arbeitslosigkeit, das Ausgesteuertwerden, die demütigenden Gänge aufs Sozialamt, aufs Angeranztwerden dort, bis sie als Dreck behandelt zum Dreck wurden. Sie sind voll Wut über das System, sie bekämpfen es, sie leben den Protest, auch wenn sie einen hohen Preis dafur zahlen. Die Leiter des Sleep-In wissen, was ihre Gäste brauchen, und lassen Macho-Typen nicht herein. Die Clochards sollen unbehelligt ausruhen dürfen, sie sind eh vom Stress der Strasse sehr erschöpft. Sie werden nicht ausgefragt und nicht bekehrt. Sie kriegen ein Dach über dem Kopf, eine warme Mahlzeit und ärztliche Betreuung. Drogen und Waffen sind streng verboten, ansonsten wird Rücksicht und Hygiene erwartet, betont Markus Bühler, Fichiert wurde bisher niemand. Trotzdem ecken die Leiter bei gewissen Kreisen im sogenannten Milieu an und werden auch von der Fürsorgedirektion nicht für voll professionell genommen. Stadt Bern gibt Ärmste preis Seit 1. Januar 1998 müsste die Obdachlosenunterkunft an der Hodlerstrasse 22 in Bern geschlossen sein, ginge es nach dem Willen der stadtbernischen Fürsorgedirektion. Deren Direktorin, Ursula Begert, erklärt: Kosten und Nutzen stimmen nicht. Ein Konzept von Randständigen für Randständige kann ich nicht verantworten. Wenn Drögeler in dieses Haus kommen, wie es nun vorgesehen ist, bleiben die bisherigen Gäste mit Sicherheit weg. Die «verrecken lieber oder bauen sonst einen Mist» schätzt Markus Bühler vom Team die Situation ein. Pfarrer Theo Brüggemann, Präsident des Vereins Sleeper sagt: Unsere einzige Sorge ist, was aus den jetzigen Gästen wird. Wir können sie doch nicht mitten im Winter auf die Strasse stellen. Der Verein und das Angestelltenteam wehren sich nun vor Gericht für eine Erstreckung des Mietverhältnisses. Das Obdachlosenprojekt läuft seit 17 Jahren erfolgreich. Es war zunächst unter kirchlicher Obhut beim Arbeitskreis christlicher Kirchen in Bern (AKiB). 1994 Übernahm der Verein Sleeper die Trägerschaft. Im März 1997 hatte dieser einen neuen Leistungsvertrag ausgearbeitet, welcher aber nicht unseren Wünschen entsprach (Ursula Begert), Begründung: Wir müssen für Drogenunterkünfte und Obdachlosenhäuser die gleichen Vorgaben machen. Theo Brüggemann ist empört: Jetzt erhalten wir nicht einmal ein konkretes Alternativangebot fur einen Umzug. Dabei zeigt das Team eine hohe Identifikation mit dem Haus. Es kommt seit Januar gratis zur Arbeit und brachte 15'000 Franken Kaution (!) für die Gerichtsverhandlung auf. Nun versuchen wir, Spenden hereinzukriegen um die hohen Mietkosten von monatlich 7'100 Franken an die Stadt zahlen zu können. Der Sleeper-Präsident fügt hinzu: Als Pfarrer denke ich, dass die bernische Kirche hier eine wichtige Aufgabe hatte. Dass die Stadt hier die Ärmsten der Hilflosen preisgeben wird, ist offensichtlich. Elisabeht Bachofen Information: Theo Brüggemann, Pfarrer Telefon: 031 911 09 52 Spenden: PC 30-23809-3, Verein Sleeper
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